DIE LETZTE IHRER ART: MONTE VIDEO schließt
- wsppfaffenhofen

- 7. Okt.
- 3 Min. Lesezeit

Von Matthias Scholz
Ich arbeite als Wirtschaftsförderer in der Stadt Pfaffenhofen. Zu meinen Routinen gehört es, regelmäßig die Immobilienbörsen nach neuen Angeboten zu durchforsten. Vor einiger Zeit stieß ich dabei auf ein Inserat, das mich innehalten ließ: Die Räume einer Videothek. Ein kurzer Moment der Nostalgie stellte sich ein – und die Frage: Zieht die Videothek um? Oder braucht sie Hilfe?
Also machte ich mich auf den Weg. Die Treppe führte hinab ins Untergeschoss, am Eingang ein Schild von DHL. Der Laden war zugleich Paketshop, wohl weil sich vom reinen Filmverleih längst kein Geschäft mehr tragen lässt. Hinter dem Tresen begrüßte mich an diesem Montagmorgen die Betreiberin, Moni Michl, eine Frau Mitte fünfzig, die sich über meinen Besuch verhalten freute.
Ihr Geschäft heißt noch immer Monte Video. Doch Videokassetten gibt es hier schon lange nicht mehr, nur noch DVDs und Blu-rays. Dass auch diese längst aus der Zeit gefallen sind, weiß Michl nur zu gut. „Es ist eine der letzten Videotheken“, sagt sie – "nicht nur in Pfaffenhofen, sondern in ganz Deutschland".
Früher war das anders, auch für mich. Vor zwanzig Jahren ging ich oft in eine Videothek, nur ein paar Minuten von meiner Wohnung entfernt. Dort reihten sich die Filme Regal an Regal, frisch aus dem Kino, aber noch nicht im Fernsehen. Mit Freunden diskutierte ich, was wir mitnehmen. Wir beobachteten heimlich die anderen Kunden, die hinter dem berüchtigten Vorhang Richtung Pornos verschwanden. Am Ende trugen wir meist mehrere Filme nach Hause. Ein Videoabend war damals eine kleine Unternehmung – heute ersetzt ein Klick auf dem Sofa den Weg ins Geschäft. Heute ist da, wo einst die Videothek war, ein Immobilienbüro.
Die ganze Branche ist fast verschwunden. 1991 zählte man in Deutschland über 9000 Videotheken. Zehn Jahre später waren es weniger als 6000, 2008 noch rund 3000, vier Jahre danach etwa 2000. Damals glaubte Moni Michl, der Tiefpunkt sei erreicht. Doch es ging weiter bergab. 2018 existierten nur noch 440 Videotheken, Ende 2022 gerade 49. Im Jahr 2025 lässt sich die Zahl an einer Hand abzählen. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Selbst der Interessenverband, der einst die Statistik führte, hat sich längst aufgelöst.

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig, aber nachvollziehbar: Zuerst machten selbst gebrannte CDs den Verleih unattraktiv. 2014 kam Netflix nach Deutschland, später legte Corona das Geschäft vollends lahm – für Videotheken gab es nicht einmal mehr eine eigene Regelung. „Weil keiner mehr daran dachte, dass es uns überhaupt noch gibt“, erzählt Michl. Das Landratsamt untersagte schlicht die Öffnung. Und schließlich erweiterten die öffentlichen Bibliotheken ihre Mediatheken und boten Filme kostenlos an.
Doch noch gibt es sie, die letzten ihrer Art. Mich interessiert, wer diese Orte heute besucht. „Eher ältere Leute, eher Stammkunden“, sagt Michl. Aber eigentlich sei alles dabei. Manche wüssten genau, was sie wollten, andere stöberten lange. Sie erzählt von einem Lehrer, der jedes Jahr denselben ungarischen Film ausleiht, weil er ihn für den Unterricht besser findet als die deutsche Adaption.
Im Wesentlichen lassen sich drei Gruppen unterscheiden. Da sind die Nostalgiker, die lieber eine Hülle in der Hand halten und den Klappentext lesen, statt sich online durch Trailer zu klicken. Dann die Cineasten, die Filme suchen, die es im Netz nicht gibt. Und schließlich die Datenskeptiker, die keine Spuren im Internet hinterlassen wollen und deshalb Streamingdienste meiden.
Wir sitzen an einem kleinen Tisch. Mein Blick wandert durch die Regale, bleibt an vertrauten Titeln hängen und an Filmen, die mir völlig unbekannt sind. Es ist, als begegnete ich alten Bekannten und gleichzeitig einer Welt, die es bald nicht mehr geben wird. Viele Werke aus Bayern und der ganzen Welt, die in keiner Online-Bibliothek auftauchen – weder legal noch illegal. Mit den Videotheken verschwinden auch solche Schätze.

Knapp 10.000 Filme hat Michl in ihrem Angebot gesammelt – bei Netflix sind es etwa 5000. Klassiker wie Metropolis, von ihr als „bester Film aller Zeiten“ gepriesen, gibt es hier schon ab zwei Euro pro Tag – auf VHS, mit Videogerät kostenlos dazu. Neuere Titel kosten etwas mehr. Wer am Wochenende leiht, zahlt nur einen Tag, den Sonntag gibt’s gratis dazu. Es gibt sogar Flatrates für 14,90 €. Doch all das lockt kaum noch. „Die Leute wollen einfach nicht mehr vom Sofa aufstehen“, sagt Michl.
An diesem sonnigen Tag kommentiert sie das schwache Geschäft trocken: „Heute ist kein Wetter für Videos.“ Und auf die Frage, ob sie manchmal einfach aufhören wolle, antwortet sie: „Die Leute meinen, ich könnte hier abschließen und nach Hause gehen. Aber so einfach ist es nicht.“ Es reicht zum Leben, aber nicht, um für später vorzusorgen. Mehr ins Detail wollen wir nicht gehen.
Moni Michl eröffnete ihre Videothek vor über dreißig Jahren. Im November wird sie für immer schließen. Der Abverkauf hat im Oktober begonnen.


